Amazon Kindle oder Sony PRS-600: eine Entscheidungshilfe

Seit dieser Woche gibt es in Deutschland zwei ernstzunehmende eReader zu kaufen: Den Amazon Kindle und den Sony PRS-600 Touch Edition. Welchen also kaufen? Wir haben uns beide Geräte angesehen. Welches Gerät ist für welches Einsatzscenario am besten geeignet? Hier eine Entscheidungshilfe:

Sie lesen hauptsächlich deutschsprachige Bücher?

Amazon protzt mit knapp 300.000 verfügbaren Titel für den Kindle. Doch nur wenige davon sind deutschsprachig, aktuelle Literatur ist keine dabei. Sicherlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Amazon hier nachbessern wird, aber im Moment hat der Sony Reader hier die Nase vorn. Eine Suche bei Libri liefert derzeit eine Liste von 164.324 eBooks. Deutschsprachig sind hiervon 1.699 Titel im mobipocket-Format und etwa 4.500 im ePub-Format. Für unsere norddeutschen Leser gibt es sogar 10 Titel auf plattdeutsch.

Die richtige Wahl für deutschsprachige Bücher: Sony Reader.

Ihr Interessensgebiet ist nicht gerade Mainstream

Wer ein Hobby oder ein Interessensgebiet hat, das sehr speziell ist, wird in der Regel alles lesen wollen, was es an Literatur dazu gibt. Welcher Reader der geeignetste ist, sollte ihr Interessensgebiet eher ein Nischenthema sein, haben wir anhand einiger Beispiele recherchiert. Die Suche nach Titeln für den Kindle lief natürlich über Amazon, für den Sony Reader haben wir bei libri.de gesucht.

  • Suchwort „schnitzen“ bzw. „wood carving“: Kindle 19 Titel, Sony 0
  • Suchwort „Sanskrit“: Kindle 32, Sony 5
  • Suchwort „Spieltheorie“ bzw. „game theory“: Kindle 279, Sony 0

Generell kann man sagen, dass der Sony Reader die richtige Wahl ist, wenn Sie hauptsächlich Romane und Belletristik lesen. Für Spezialliteratur ist der Kindle eher geeignet.

Sie lesen viele PDFs

Der Sony Reader hat eine native, „eingebaute“ Unterstützung für das PDF-Format. PDF-Dateien werden per USB-Verbindung übertragen und können dann sofort gelesen werden. Zwar ist der relativ kleine Bildschirm nur bedingt dazu geeignet, aber es geht.

Um PDFs auf dem Kindle zu lesen, müssen diese zunächst in das Kindle-eigene AZW-Format konvertiert werden. Dies erledigt u.a. Amazon selbst. Dazu mailt man einfach eine PDF-Datei an username@free.kindle.com und bekommt umgehend die konvertierte Datei zurück geschickt. Diese wird dann wie beim Sony per USB auf den eReader übertragen. Insgesamt ist das Verfahren jedoch aufwändiger als beim Konkurrenzprodukt. Für PDFs ist der Sony Reader die bessere Wahl.

Sie möchten sich nicht auf ein Format fest legen

Hier muss ich ein wenig generalisieren: Auch wenn beide Reader eine Vielzahl von Formaten beherrschen, ist der Amazon Kindle eindeutige auf das proprietäre AZW-Format spezialisiert. Der Sony Reader ist das etwas breiter aufgestellt. Er unterstützt gleich gut die Formate ePub und Mobipocket. Nimmt man noch die PDF-Untersützung hinzu, ist klar: Der Sony Reader ist formatoffener als der Amazon Kindle.

Sie wollen möglichst wenig Geld ausgeben

Sehen wir uns dazu zunächst die Gerätepreise an:

Der Sony PRS-600 Touch Edition kostet 299 Euro. Etwas komplizierter ist die Preisermittlung beim Amazon Kindle. Der steht auf der Website mit einem Preis von 259 Dollar. Hinzu kommen dann noch Versandkosten und verschiedene Gebühren, so dass der Endpreis 333 Dollar beträgt. Nach heutigem Wechselkurs sind dies 226 Euro. Der Amazon Kindle ist also in der Anschaffung deutlich günstiger als der Sony. Bleibt die Frage nach den Preisen für eBooks. Hier einige Preisvergleiche, wieder auf der Basis der Amazon Website und Libri.

  • Stephen King, Der dunkle Turm I: Kindle 6,55 Euro, Sony 7,95 Euro
  • Leslie Poston, Twitter for Dummies: Kindle 9,36 Euro, Sony 18,84 Euro
  • Jack Welch, Winning: Kindle 6,55 Euro, Sony 21,20 Euro.

Damit dürfte das Ergebnis klar sein: Der Amazon Kindle ist sowohl bei der Anschaffung wie auch beim Content klar kostengünstiger.

Sie stehen auf umfangreiches Zubehör

Auch hier ein schnelles Urteil. Für den Sony PRS-600 Touch Edition gibt es ein ultracooles Ledercover mit integriertem Licht, das war es dann aber auch schon fast. Rund um den Amazon Kindle hat sich wegen der längeren Verfügbarkeit bereits ein vielfältiger Zubehör- und Add-On-Markt entwickelt. Amazon verkauft immerhin 253 verschiedene Accessoires. Hier wird wirklich jeder fündig. Der Amazon Kindle ist der Zubehör-König.

Sie arbeiten gerne mit Textmarkern

Anders als der Sony hat der Amazon Kindle keinen Touchscreen. Textmarkierungen und Anmerkungen sind deshalb deutlich umständlicher anzubringen. Man verwendet dazu eine Art „Joystick“ zur Platzierung des Markers. Da das eInk-Display recht träge reagiert, dauert mir dieser Vorgang viel zu lange. Beim Sony geht das sehr viel flotter dank des Touchscreens. Mit dem Stift kann jede Textpassage direkt selektiert und „gemarkert“ werden. Auf diese Weise lassen sich auch handschriftliche Anmerkungen anbringen. Hier hat der Sony klar die Nase vorn.

Fazit: Die Entscheidung für den einen oder anderen eReader sollte nicht nur anhand eines Vergleichs der technischen Features fallen. Wichtiger noch ist es, sich zu überlegen, wie man den Reader genau einsetzen möchte und danach eine Kaufentscheidung zu treffen. Wenn Sie dazu weitere Fragen haben, benutzen Sie bitte die Kommentarfunktion.

Kommentare

Bild von baumgartner

Einige Erfahrungen zum Kindle und eine Frage

Danke für diese ausgewogenen und informativen Beitrag. Allerdings habe ich seit 2 Wochen mich bereits für einen Kindle entschieden, so dass solche (für mich) nachträglichen Vergleiche zu gemischten Gefühlen führen. Daher einige Rückmeldungen aus meinen eigenen Erfahrungen für Leute, die sich erst entscheiden müssen:

1.) Ihre Abschätzung zum Preis des Kindle ist ziemlich korrekt: Er hat mich insgesamt 230,52 Euro gekostet: Kaufpreis = 259,- Dollar (= 175,40 Euro) , + Zoll und Einfuhrumsatzsteuer von 55,12 Euro). Dazu kommt noch ein Stromadapter (je nach Ausführung 5-16 Euro), weil man ja nicht immer nur am Rechner selbst über die USB-Schnittstellen aufladen möchte.

2.) Das Fehlen eines Touchscreens ist nicht nur beim Textmarkieren – dort aber ganz besonders! - öde.

3.) Den Preisvergleich der Inhalte kann ich nicht nachvollziehen: Die deutsche Fassung – wie Sie richtig anmerken – von Bestsellern gibt es meist nicht als Kindleversion, so gibt es z.B. auch nicht "Der dunkle Turm". Umgekehrt ist - soweit ich es verstehe – der günstigere Preis bei englischen Büchern (soweit sie im Sortiment der Auslieferung für deutschsprachige Länder inkludiert sind) generell auf die billigeren Preise von englischen Büchern bei amazon in dieser Literaturgattung zurückzuführen.

4.) Es stimmt, dass PDFs eingeschickt werden müssen. Das ist aber nicht besonders umständlich. Vor allem auch deshalb, weil ja sowieso bald die vielen Dateien einen gewissen Verwaltungsaufwand mit sich bringen.

5.) Es wäre interessant, wenn Fachleute wie Sie, für den Vergleich auch eine Abschätzung in die Zukunft vornehmen würden. Wie wird sich der Markt weiterentwickeln? Dass amazon bald auch verstärkt deutschsprachigen Bücher elektronisch anbieten wird, davon bin ich überzeugt. Auch wenn dies vielleicht wegen der unglücklichen Buchpreisbindung vielleicht erst einige Zeit nach der Erstveröffentlichung geschieht.

Wie sieht es aber mit der Zukunft der unterschiedlichen Formate aus? Bisher habe ich keine Möglichkeit gefunden das freie ePub-Format in das proprietäre Amazon-Format umzuwandeln. - Habe ich da was übersehen? Was passiert, wenn sich ePub durchsetzt? Wird dann amazon Konvertierung anbieten? - Für mich wäre eigentlich als Anhänger der Open Source Bewegung – das proprietäre AZW Format ein Grund gewesen Kindle nicht zu kaufen.

- Wenn es interessiert: Auf meiner Website habe ich einige Erfahrungen allgemeiner Natur zur Verwendung von eBooks und eReader zusammen gestellt: http://www.peter.baumgartner.name/weblog/erste-erfahrungen-mit-dem-kindle

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