Erster Eindruck: Das eMag der WamS
22. November 2009 - 15:55 – ThorstenDie Welt am Sonntag bietet demnächst ein "eMag" zum Lesen am PC an. Seit heute steht ein Prototyp im Web bereit, der einen Eindruck davon vermitteln soll, was ab dem kommenden Jahr uns das Wochenende versüßen soll. Mein erster Eindruck: Hier muss noch kräftig nachgearbeitet werden.
Der Anbieter, die Axel Springer AG, macht offenbar Ernst mit seiner Kampfansage an den Kostenlos-Content im Web. Wer neugierig ist auf das neue eMag, der muss erst bezahlen. Das ist eher ungewöhnlich für einen Prototypen. Offenbar soll so getestet werden, was Webnutzer bereit sind, für ein solches Magazin zu zahlen. Der "einmalige Einführungspreis" von €1,50 wird fällig, sobald man über die Titelseite hinaus möchte.
Der Klick auf "Probelesen" löst sein Versprechen leider nicht ein. Klick man darauf, werden zunächst eine ganze Weile lang ominöse "3D Animationen" generiert - auf meinem Netbook dauert dies knapp unter 1 Minute - bevor man dann auf einer 2D-Anlaufseite landet. Mich interessiert der Beitrag zu "Guttenbergs Kraft". Ein Klick hierauf führt aber nicht auf den Beitrag, sondern auf ein Inhaltsverzeichnis. Immerhin zeigt jetzt die eben generierte 3D-Animation was sie kann. Sie "blättert" die Seite um. Was dieses schlichte Eye-Candy soll, will sich mir nicht erschließen. Warum wird mir vorgegaukelt, ich blättere in einem Printmagazin, wenn ich doch am Computer lesen will? Glaubt man bei der WamS vielleicht, ich wolle ja eigentlich Print lesen? Will man mir darüber die Illusion schaffen, auch für dieses "eMag" mussten in Schweden Bäume fallen? Ich kann es nicht sagen. Mir wäre ein schneller Seitenwechsel lieber als diese Animation.
Wie komme ich jetzt zu meinem Guttenberg-Beitrag? Natürlich finde ich ihn auch im Inhaltsverzeichnis und klicke erwartungsfroh darauf. Wieder darf ich die Animation bewundern und lande endlich - auf der schönen Seite "bittebezahlen". Dort heisst es nicht ganz korrekt, wenn ich "noch mehr Geschichten ... sehe möchte", könne ich mit wenigen Klicks meinen Zugang freischalten lassen. Das ist nicht ganz korrekt, weil ich bislang noch nicht eine einzige Geschichte gesehen habe und der Zugang nicht per Klicks sondern per Kreditkarte freigeschaltet wird.
Als ausgewiesener Guttenberg-Fan mache ich weiter und kaufe meinen Zugang. Dazu muss ich mich zunächst registrieren. Das geht dann ganz schnell, weil keine Animationen den Griff zur Kreditkarte verzögern dürfen. Nachdem ich den etwas holprigen Zahlvorgang erfolgreich abgeschlossen hatte, wurden als Nächstes erst einmal wieder 3D-Animationen generiert. Vielleicht sind die bezahlten Animationen ja noch schöner als die kostenlosen, hoffe ich während der mittlerweile bereits gewohnten Wartezeit. Vielleicht, mutmaße ich, will die WamS auf diese Weise meinem Sonntag die Hektik nehmen, mich zum Innehalten zwingen? Vielleicht verachtet man bei der WamS Caching-Funktionen? Ich weiss es nicht.
Bislang weiss ich auch immer noch nicht, woher Guttenberg seine Kraft schöpft. Jetzt aber: Anlaufseite>Inhaltsverzeichnis>Anlaufseite Beitrag. Endlich geht es los. Der Beitrag hat wieder eine eigene Anlaufseite. Hier habe ich die Wahl zwischen "lesen", "Interview" und "Audio abspielen". Ich entscheide mich für "lesen". Was folgt, sind fünf Bildschirmseiten mit Text. Na gut, ich wollte ja lesen, also gibt es Text. Es gibt aber auch nichts anderes, keine Links, keine Bilder, keine Grafik. In einer anderen Welt hätte man dazu "Bleiwüste" gesagt. Ohne störendes Beiwerk ist der Text schnell gelesen, jetzt freue ich mich auf des Interview. Eine kurze Freude, denn auch hier extreme Reduktion auf das Wesentliche: drei kurze, belanglose Fragen, drei kurze Antworten, eine Bildschirmseite reicht dafür. Da ich immer noch nicht weiss, warum Guttenberg so kräftig ist, hoffe ich auf Aufklärung auf der Tonspur. "Audio abspielen" bringt aber leider keine neuen Informationen. Hier wird mir lediglich vorgelesen, was ich gerade selbst gelesen habe. Ziemlich lahm das Ganze.
Doch genug zu Guttenberg, vielleicht geht es ja woanders etwas informativer zu. Doch wie komme ich zurück auf das Inhaltsverzeichnis? Einen entsprechenden Button finde ich nicht, muss also über den Zurück-Knopf des Browsers gehen. Die Prgrammierer halten nicht nur nichts von Caches, auch Usability ist ein Fremdwort. Zurück im Inhaltsverzeichnis finde ich zu keinem der nur neun Beiträge mehr oder tiefere Information als bereits gesehen. Dafür finde ich es recht mutig, für so ein Angebot Geld zu verlangen.
Fazit: Das eMag in der jetzigen Fassung ist sein Geld nicht wert. Schlechte Umsetzung, keine Ideen, seichter Content. Leider, denn ich hätte mich wirklich über ein gut gemachtes WamS-Magazin gefreut.
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Kommentare
Seltsam, fürwahr...
Ich teile Ihren Eindruck, dass das, was da geboten wird, kaum die einsfuffzich wert ist. Mein Weg ging über den Titel "Wer ist hier irre?". Ein Klick hierauf ging zum Inhaltsverzeichnis. Hier musste man nach dem richtigen Eintrag suchen und wurde dann zur gewünschten (frei lesbaren) Seite geführt. Die trägt dann einen anderen Titel "Die Normalen sind die wahren Irren", und bietet Text und Audio. Dazu eine tolle Animation mit misslungenem Hitler-Smilie und marschierenden farbigen Figuren. Wow.
Will man nach der Lektüre zum Inhaltsverzeichnis, kann man (zumindest mittlerweile) rechts oben auf "Inhalt" klicken. Dank 3D-Umblätter-Aktion gelangt man nach nur 2,5 Sekunden wieder dorthin. Alle anderen Artikel sind dann aber nicht frei aufzurufen, sondern müssen erkauft werden (mittlerweile steht da auch korrekt "sehen möchten" - wobei "sehen" und das bereits erwähnte "audio" ja auch nicht recht zusammen passen...).
Fazit: eMag nimmer - ich mag nicht mehr - und das schon nach der ersten Ausgabe. So geht Internet-Journalismus jedenfalls nicht!
Fehlschlag
So liest man es überall und am Ende wird das Projekt für ASV ein Fehlschlag. Und dann kommt wieder das übliche Mantra "Die Gratismentalität im Netz ist schuld". Stimmt, Sch***e kriegt man überall kostenlos.
Aaaah ... Internet ...
Ich bin seit langer, langer Zeit (zufriedener) WamS-Abonnent und frage mich, seitdem ich am Sonntag auf der Titelseite die Ankündigung des eMag gesehen habe, "warum"? Bilder, Audio, Texte, Animationen, Filme im Internet? Dafür gibt's doch Webseiten, oder? Warum muss ich krampfhaft versuchen, das Web so aussehen zu lassen, als sei's ein Print-Magazin? Konsequent zu Ende gedacht, müsste das Ding eigentlich auf einer CD am Kiosk verkauft werden ... Zurück in die Zukunft.
Mein Tipp wäre, mit ein bißchen mehr strategischem Weitblick ein Produkt zu entwickeln, dass einen echten Mehrwert bietet. Das Kindle-Modell (die Zeitung als E-Version "over the air" auf ein Lesegerät) oder Varianten davon, entwickelt in Kooperation mir Hardware-Anbietern und Netzbetreibern, wäre ein Versuch wert, denke ich.
Zwei weitere Links, die viel
Zwei weitere Links, die viel mehr von der Geschichte zurück zu offenbaren.
Aus einem der Last-Minute-Helfer
-> Http://www.monocle.com/monocolumn/2009/11/22/the-new-berlin-wall/
Und die Geschichte von dem exklusiven Mitarbeiterin, die ihr emag Prototyp schlugen die Aufmerksamkeit CEO Mathias Döpfner's:
-> Http://bit.ly/8D7bkU
Besserwisser aller Disziplinen vereinigt Euch!
Wie ein eMag nicht funktioniert wissen ja ziemlich viele. Weiss auch jemand wie's geht? http://ow.ly/FvSr
Aha
Alle die meinen die WamS eMag Geschichte sei in die Hose gegangen, haben m.E. auch Recht.
Das heißt aber nicht im Umkehrschluß, dass sie es besser machen können müssen.
Zu wissen, wie ein eMag NICHT funktioniert und selber keines aufstellen, ist immernoch besser als eines aufzustellen und trotzdem nicht zu wissen WIE es funktioniert.
Was aber noch schlimmer ist, sind Leute, die sich anmaßen andere als Besserwisser hin zu stellen. Das ist die schlimmste Form von Besserwisserei.
tilmankoester.com
Nee nee,
Herr Köster, da haben Sie was falsch verstanden. Ich stelle niemanden als Besserwisser hin, ich suche Besserwisser zum bessermachen. Sind Sie einer? Wohl eher nicht.
...
Dann habe ich in der Tat Ihren Beitrag falsch aufgefasst und entschuldige mich für voreilige Schlüsse.
Wenn Sie Ihre Besserwisser finden sollten, wünsche ich viel Erfolg mit ihrem eMag, aber mit dem geballten Wissen, kann's fast nicht mehr schiefgehen!
Ich bin dann mal gespannt und freue mich schon auf die nächste Welle von Twitter-eMag-Kritiken.
Grüße
tilmankoester.com
es geht auch besser
Ein Super-Beispiel, wie es besser geht, ist der Times Reader. Dafür gebe ich gerne Geld aus.
Ansonsten bewerbe ich mich hiermit als Besserwisser. ;-)